7. Februar 2010

Was soll man sagen über: Tocotronic

Hallo Tocotronic, versteht die Welt dich mittlerweile eigentlich besser, oder ist es dir nur egaler geworden, ob sie es tut oder nicht?


Vor zwei Wochen haben die Hamburger ihre Berlin-Trilogie abgeschlossen mit dem Album “Schall und Wahn”. Es ist wieder alles anders, ein weiterer Schritt in Richtung ___ ist getan und nach der ersten Vorschussfreude über das neue Werk bleibt erst mal eine große Leere.

Was nun? Diskurs-Rock, diese Phrase wird seit „Es ist egal, aber“ von der Band abgelehnt, das ist schon ein Stück Zeit her. Und im Prinzip sehr in Ordnung, denn da fängt die Orientierungslosigkeit doch bereits an. Welcher Diskurs würde denn geführt werden? Gegen den Pop-Diskurs sprechen die Streicher, die Textdichte, die Unzugänglichkeit, der Mangel an Liebesthemen auf dem Album, dafür spricht hingegen die Verlegung des Albums von einem Großen, von Universal Music.

Aber ist diese Wahl des Labels vielleicht nur Mittel zum Zweck, um genug Ruhe und Mittel für die Kunst sicher zu wissen? Geht es also nur um Kunst bei Tocotronic? Betrachtet man das musikalische Werk der Band, lässt sich durchaus ein höherer Anspruch erkennen, die Streicher auf dem aktuellen Album hätte sich doch niemand erträumt, als „Digital ist Besser“ raus kam. Für den reinen Kunst-Diskurs ist es dennoch nicht genug, denn auch wenn alle Mitglieder in Interviews eine gewisse Attitüde an den Tag legen können, sehen sie sich doch mitnichten als die mit einem Talent gesegneten Künstler, sonst sprächen sie von der Band wohl nicht als ein wachsendes Unternehmen.

Was bleibt also? Der hochkulturelle Diskurs? Brauchen wir eine akademische Vorbildung, um die Texte zu verstehen und sollten wir vielleicht keine Rezensionen schreiben, sondern direkt Abhandlungen? Bis es dazu kommt, wird es womöglich nicht mehr lange dauern, notwendig ist das aber nicht.

Also was? Vielleicht einfach akzeptieren, ohne Neid, dass Tocotronic machen, was sie wollen. Die Mitglieder der Band gehen sehenden Auges durch die Welt und verarbeiten, was sie sehen, erleben, lesen, in ihren Liedern. Da mag man sich über das merkwürdig militärisch anmutende Vokabular wundern, oder denken, was ist das nun für ein Psycho-Thriller-Märchen, man kann schimpfen und die Dinge scheisse finden. Dem Gesang des Tyrannen lauschen und sich Seattle-Dirk zurück wünschen, als noch mehr gelärmt wurde und nicht so viel Kontrolliertheit herrschte. Das alles ändert nichts daran, dass in diesem verklausulierten Poesietexten mehr gesagt wird, als in so manch einer Abhandlung. Worum es geht, mag jeder Hörer selbst entscheiden, diese Freiheit ist der Band wichtig, denn sie verbreiten keine Wahrheiten, sondern ihre ästhetische Sicht der Dinge.

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